Orga­ni­sa­ti­on . IT

Digi­ta­li­sie­rung und Agi­le Metho­den – Neue Per­spek­ti­ven, wenn klas­si­sche Pla­nungs- und Pro­jekt­ma­nage­ment-Metho­den nicht mehr grei­fen

Process and Project
Ein Inter­view mit Prof. Dr. Ayelt Komus, Pro­fes­sor für Orga­ni­sa­ti­on und Wirt­schafts­in­for­ma­tik an der Hoch­schu­le Koblenz.

Fra­ge: Herr Pro­fes­sor Komus, Digi­ta­li­sie­rung und Agi­li­tät sind der­zeit in aller Mun­de. Sie gel­ten als einer der füh­ren­den Exper­ten, wenn es dar­um geht, die­se Metho­den kon­kret auch in klas­sisch-gepräg­ten Unter­neh­men zu nut­zen und umzu­set­zen. Was soll­ten Unter­neh­men beach­ten?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Wenn ich mich mit Men­schen aus den „klas­si­schen“ Indus­tri­en unter­hal­te, mer­ke ich in ein­zel­nen Gesprä­chen, wie­viel Unsi­cher­heit bei dem The­ma vor­herrscht. Viel­fach ist nicht klar, wie mit dem The­ma umzu­ge­hen ist – oder es wird auf tech­no­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen redu­ziert. Damit wer­den dann wich­ti­ge Aspek­te des digi­ta­len Wan­dels nur wenig oder gar nicht berück­sich­tigt. Denn es geht bei der Digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on kei­nes­falls ledig­lich um Tech­no­lo­gie. Natür­lich wer­den digi­ta­li­sier­te oder digi­ta­li­sie­rungs­fä­hi­ge Pro­duk­te benö­tigt, aller­dings zeich­net sich ein guter Autor ja auch nicht dadurch aus, dass er die bes­te Schreib­ma­schi­ne hat. Viel zen­tra­ler sind eine Viel­zahl von Fähig­kei­ten, Kul­tur­ele­men­ten und Fer­tig­kei­ten, um digi­ta­le Ver­än­de­run­gen zu unter­stüt­zen und davon zu pro­fi­tie­ren. Die­se ermög­li­chen dann nach­hal­tig die Nut­zung der Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung und das Bestehen in einer kom­ple­xer und dyna­mi­scher wer­den­den Welt.

Wir haben unter­sucht, wor­in die­se Fähig­kei­ten bestehen. Als beson­ders rele­vant haben sich Fak­to­ren her­aus­ge­stellt, die sich in 10 Kate­go­ri­en zusam­men­fas­sen las­sen: Digi­ta­le Visi­on, Digi­ta­les Pro­dukt und Geschäfts­mo­dell, Manage­ment des digi­ta­len Wan­dels, Kul­tur und Wer­te, Sozia­le Medi­en und Kun­den­bin­dung, Kun­den­aus­rich­tung, Ver­net­zung, Daten- und Tech­no­lo­gie­kom­pe­tenz sowie Digi­ta­le Pro­zes­se und Zusam­men­ar­beit.

Fra­ge: Das ist ein brei­tes Spek­trum! Es fällt auf, dass die genann­ten Fähig­kei­ten eher grund­le­gend sind. Soll­ten nicht bestimm­te IT-Sys­te­me, digi­ta­le Pro­duk­te, bestimm­te digi­ta­le Absatz­ka­nä­le o.ä. im Vor­der­grund der Betrach­tung ste­hen?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Nach unse­rer Über­zeu­gung sind die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen so dyna­misch, dass der­zei­ti­ge Tech­no­lo­gi­en, Pro­zes­se oder Pro­duk­te nur für kur­ze Zeit Vor­tei­le bedeu­ten kön­nen. Nach­hal­tig sind nur über­ge­ord­ne­te Fähig­kei­ten und Kul­tur­ele­men­te, die eben nicht nur die Ant­wor­ten auf die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen dar­stel­len, son­dern vor allem die Chan­cen ver­bes­sern, auch die kom­men­den Her­aus­for­de­run­gen schnell und adäquat zu erfas­sen und Ant­wor­ten für zukünf­ti­ge Wett­be­werbs­stär­ke zu fin­den.

Fra­ge: Es geht also nicht nur dar­um, heu­te gut auf­ge­stellt zu sein, son­dern vor allem dar­um, die Basis zu schaf­fen, um auch mor­gen den – heu­te noch nicht vor­her­seh­ba­ren – Her­aus­for­de­run­gen gut begeg­nen zu kön­nen. Wie kön­nen Unter­neh­men dies errei­chen?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Ganz genau. Wie Unter­neh­men im Detail vor­ge­hen soll­ten, lässt sich so pau­schal schwie­rig sagen – der Weg zur Digi­ta­li­sie­rung eines Unter­neh­mens ist natür­lich sehr indi­vi­du­ell und Hand­lungs­fel­der sowie Vor­ge­hens­wei­sen von vie­ler­lei Fak­to­ren abhän­gig.

Aktu­ell bie­ten wir Unter­neh­men des­halb die Mög­lich­keit, mit Hil­fe ihres indi­vi­du­el­len Digi­tal-Pro­fils kos­ten­los ihren aktu­el­len Sta­tus, mög­li­che Poten­zia­le und Hand­lungs­fel­der bezüg­lich der Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen der Digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on sys­te­ma­tisch her­aus­zu­ar­bei­ten und zu ver­ste­hen. Die Erstel­lung des Digi­ta­li­sie­rungs­pro­fils basiert auf je 5 Fra­gen in 10 Kate­go­ri­en der Digi­ta­li­sie­rung und ermög­licht einen Ver­gleich des eige­nen Pro­fils mit dem Durch­schnitt der bis­her bereits über 150 Teil­neh­mer.

Mein Digital Profil (Abbil­dung: Durch­schnitt aller Teil­neh­mer von Mein Digi­tal Pro­fil, Quel­le: Prof. Komus, Erstel­lung Ihres indi­vi­du­el­len Digi­tal Pro­fils kos­ten­frei unter www.mein-digital-profil.de)

Fra­ge: Eine der Kate­go­ri­en des Digi­tal Pro­fils sind die „agi­len Fähig­kei­ten“, die ja ein­gangs bereits erwähnt wur­den. Was hat es damit auf sich?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Agi­le Fähig­kei­ten beschrei­ben einen Ansatz, um Akti­vi­tä­ten in einer neu­en, fle­xi­ble­ren und stär­ker nut­zen­ori­en­tier­ten Form zu gestal­ten. Die­se haben sich in den letz­ten Jah­ren an vie­len Stel­len zu einer sehr rele­van­ten Alter­na­ti­ve zum klas­si­schen Pro­jekt­ma­nage­ment ent­wi­ckelt. Agi­le Fähig­kei­ten wer­den ins­be­son­de­re dort ein­ge­setzt, wo Dyna­mik und Kom­ple­xi­tät sehr hoch sind. Sie sind an vie­len Stel­len also die natür­li­che Ant­wort auf die Her­aus­for­de­run­gen der Digi­ta­li­sie­rung mit zuneh­men­der Dyna­mik und glo­ba­ler Ver­net­zung.

Fra­ge: Und wie funk­tio­niert das?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Man kann tra­di­tio­nel­les und agi­les Pro­jekt­ma­nage­ment gut mit einem Ver­gleich beschrei­ben, der auf den Soft­ware-Ent­wick­ler Eric Ray­mond zurück­geht. Die­ser Ver­gleich unter­schei­det zwi­schen einer Kathe­dra­le und einem Basar. Beim Bau einer Kathe­dra­le folgt alles dem detail­lier­ten Plan eines gro­ßen Bau­meis­ters. Die Arbei­ter befol­gen nur des­sen Anwei­sun­gen. Ein Basar ist orga­ni­scher, er ent­wi­ckelt sich ent­spre­chend der aktu­el­len Bedürf­nis­se und folgt kei­nem Plan, der even­tu­ell längst über­holt ist.

An Stel­le von Lang­fris­t­pla­nung im klei­nen Detail tritt bei agi­len Metho­den also die inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit Kun­den­wün­schen und Nut­zen. Außer­dem wird sehr viel Wert auf Ein­fach­heit, plas­ti­sche Dar­stel­lung und vor allem ler­nen, ler­nen, ler­nen gelegt. So las­sen sich auch sol­che Auf­ga­ben gut bewäl­ti­gen, die sonst nur schlecht zu mana­gen sind.

Fra­ge: Sind die­se Metho­den denn erfolg­reich?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Wir haben das in meh­re­ren Stu­di­en unter­sucht. In der letz­ten Stu­die „Sta­tus Quo Agi­le“ mit über 1.000 Teil­neh­mern aus über 30 Län­dern haben wir nach der Zufrie­den­heit bei den ver­schie­de­nen agi­len Ansät­zen wie Scrum, IT-Kan­ban und Design Thin­king in unter­schied­lichs­ten Dis­zi­pli­nen gefragt. Das Ergeb­nis war sehr deut­lich. Nicht nur die Ergeb­nis­qua­li­tät und Leis­tungs­fä­hig­keit ins­ge­samt, son­dern ins­be­son­de­re auch Effi­zi­enz, Geschwin­dig­keit und die Fähig­keit zur Inno­va­ti­on wer­den bei agi­len Metho­den durch­weg bes­ser bewer­tet als bei klas­si­schen Metho­den. Über­ra­schen­der­wei­se stel­len auch Pla­nungs­si­cher­heit und die Genau­ig­keit in der Pla­nung kei­ne Argu­men­te für klas­si­sche Vor­ge­hens­wei­sen dar.

SQA Bewertung Mehoden (Abbil­dung: Bewer­tung ein­zel­ner Metho­den durch alle Anwen­der, Quel­le Komus: Stu­die Sta­tus Quo Agi­le 2016/2017, Pro­jekt­be­richt kos­ten­frei unter www.status-quo-agile.de)

Fra­ge: Aber Metho­den wie Scrum und Kan­ban sind doch eher der IT, ins­be­son­de­re der Soft­ware-Ent­wick­lung vor­be­hal­ten?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Die­se Sicht­wei­se war frü­her stel­len­wei­se ver­brei­tet. Inzwi­schen weiß ich aus eige­ner Erfah­rung, dass agi­le Metho­den in einem sehr brei­ten Spek­trum von Tätig­kei­ten und Bran­chen ange­wen­det wer­den. Der Anteil agi­ler Metho­den im Bereich der Akti­vi­tä­ten ohne IT-Bezug steigt stän­dig und macht schon einen rele­van­ten Anteil aus. Das wis­sen wir aus unse­ren Stu­di­en und der täg­li­chen Arbeit mit Unter­neh­men, die die Vor­tei­le agi­ler Metho­den für sich nut­zen wol­len. Ich per­sön­lich durf­te schon in den ver­schie­dens­ten Fer­ti­gungs­un­ter­neh­men mit­er­le­ben, wel­che Ver­bes­se­run­gen mög­lich sind – bei­spiels­wei­se in der Auto­mo­bil-, Land­ma­schi­nen-, Elek­tro­nik-Ele­men­te-, Werk­zeug- und Maschi­nen­bau-Bran­che.

Fra­ge: Las­sen sich die Metho­den denn so eins-zu-eins über­tra­gen?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Das funk­tio­niert an vie­len Stel­len über­ra­schend gut. In man­chen Fäl­len müs­sen Anpas­sun­gen gemacht wer­den, aber die Grund­idee bleibt. Wich­tig ist eine sinn­vol­le Vor­ge­hens­wei­se, die die rele­van­ten Her­aus­for­de­run­gen adres­siert und die Orga­ni­sa­ti­on ins­ge­samt mit­nimmt.

Die Erfah­rung zeigt übri­gens noch einen wich­ti­gen Punkt: Mit der Ein­füh­rung agi­ler Metho­den pas­siert noch etwas, das viel­leicht viel wich­ti­ger ist als die for­ma­le Ein­füh­rung einer neu­en Metho­de:
Die Kul­tur in der Orga­ni­sa­ti­on ändert sich. Die Auf­ge­schlos­sen­heit gegen­über Neu­em, die unbe­ding­te Kun­den­ori­en­tie­rung und das fle­xi­ble Expe­ri­men­tie­ren und Aus­pro­bie­ren neh­men wie von selbst zu.

Fra­ge: Und – las­sen Sie mich raten – damit sind wir wie­der genau bei den Schlüs­sel­fä­hig­kei­ten, um in Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung erfolg­reich zu sein?
Prof. Dr. Ayelt Komus: Ganz genau. Mit der erfolg­rei­chen Nut­zung von Metho­den wie Scrum und Kan­ban las­sen sich Ver­än­de­run­gen im Mit­ein­an­der und in der Kul­tur beob­ach­ten, die wie­der genau in die Rich­tung gehen. Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung las­sen sich bes­ser adres­sie­ren – auch wenn wir heu­te noch gar nicht genau sagen kön­nen, wie die­se Zukunft aus­sieht. So schließt sich der Kreis.

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