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„Ein­zel­fer­ti­ger 4.0“ – Ach du lie­ber Him­mel!


Ein Kom­men­tar von Roland Dam­mers, Inha­ber der CON.DA Unter­neh­mens­be­ra­tung

„Ein­zel­fer­ti­gung“ und „4.0“: Wider­spricht sich das nicht? Der infla­tio­nä­re Gebrauch der Begriffs­er­wei­te­rung „4.0“ nimmt kein Ende. Jeder, der was auf sich hält, benutzt „4.0“, um sich einen moder­nen, zukunfts­ori­en­tier­ten, „digi­ta­len“ Anstrich zu ver­pas­sen, oder um sei­ne Betei­li­gung an der nächs­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on zu doku­men­tie­ren: Deutsch­land 4.0, NRW 4.0, Mit­tel­stand 4.0, Arbeit 4.0, Nord­deut­sche Ener­gie­wen­de 4.0…

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Und jetzt auch noch „Ein­zel­fer­ti­ger 4.0“! Ist die­se Begriffs­kom­bi­na­ti­on nicht ein Wider­spruch an sich?  Kei­nes­wegs, und ich wer­de Ihnen zei­gen, wes­halb das so ist.

Der Ter­mi­nus „4.0“ wird abge­lei­tet aus den drei vor­auf­ge­gan­ge­nen indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen, deren Aus­gangs­punk­te haupt­säch­lich in revo­lu­tio­nä­ren Fort­schrit­ten in der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on lagen. Ins­ge­samt ver­wun­dert es also nicht, wenn unter der vier­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on „4.0“ viel­fach und ger­ne wie­der­um „nur“ eine nächs­te Evo­lu­ti­ons­stu­fe der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on ver­stan­den wird. Dies ist aber mit­nich­ten so. Im Gegen­satz zu den ers­ten drei Stu­fen, die ihre Bedeu­tung als „Revo­lu­ti­on“ erst in der retro­spek­ti­ven Betrach­tung offen­bar­ten, wird der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on (ger­ne gleich­ge­setzt mit Indus­trie 4.0, Inter­net of Things oder Smart Fac­to­ry) bereits jetzt die­ses revo­lu­tio­nä­re Poten­zi­al zuge­wie­sen. Dabei haben wir gera­de mal weni­ge Schrit­te auf dem Weg in die digi­ta­le Zukunft getan. Wie sich aus vie­len Gesprä­chen mit Mana­gern aus der Ein­zel­fer­ti­gung zeigt, wächst die Erkennt­nis tag­täg­lich, dass wir es dies­mal mit einer Ent­wick­lung zu tun haben, die weit über die nächs­te Indus­tria­li­sie­rungs-Stu­fe der Pro­duk­ti­on hin­aus­geht. Die vor­auf­ge­gan­ge­nen indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen haben gewal­ti­ge sozia­le und gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen bewirkt, und viel­leicht ist es daher bei der kom­men­den Ent­wick­lung ange­brach­ter, im gesamt­wirt­schaft­li­chen Kon­text eher von „Busi­ness 4.0“ als von Indus­trie 4.0 zu spre­chen. Die Ent­wick­lung wird kaum einen Unter­neh­mens­be­reich aus­spa­ren, der nicht von der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on beein­flusst wer­den wird.

Busi­ness 4.0 wird vie­les in ein neu­es Licht rücken. Die durch Digi­ta­li­sie­rung opti­mier­te Wert­schöp­fungs­ket­te erfor­dert Ände­run­gen der exis­tie­ren­den Pro­duk­te, oder ganz neue Güter. Von neu­en Ser­vices mit ent­spre­chen­den Busi­ness­mo­del­len ganz zu schwei­gen. Dies hat direk­ten Ein­fluss auf Pro­dukt­ent­wick­lung und Engi­nee­ring, die sich nicht nur mit den neu­en Anfor­de­run­gen aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, son­dern sie wer­den auch ganz neue Wege in der – kol­la­bo­ra­ti­ven – Pro­dukt­ent­wick­lung gehen. Der Ver­trieb die­ser Erzeug­nis­se und Dienst­leis­tun­gen wird zuneh­mend auch über sozia­le Medi­en erfol­gen. Eben­so wie das Recrui­t­ing, für das zudem gilt, „digi­ta­les“ Unter­neh­mens-Know-How auf­zu­bau­en und geeig­ne­te Mit­ar­bei­ter zu fin­den. Nach­hal­tig­keit und Res­sour­cen­scho­nung ver­än­dern die Logis­tik­ket­ten genau­so wie die Indi­vi­dua­li­sie­rung der Pro­duk­te; Pro­duk­te wer­den spät in der Wert­schöp­fungs­ket­te kon­fi­gu­riert und indi­vi­dua­li­siert, vor Ort zusam­men­ge­baut, gefer­tigt oder auch gedruckt. Dies hat auch unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf betriebs­wirt­schaft­li­che Aspek­te des Unter­neh­mens.

So lich­tet sich jetzt auch für den Ein­zel­fer­ti­ger mehr und mehr der Nebel. Bis­her hat­te er sei­ne lie­be Mühe und Not mit der „engen“ Inter­pre­ta­ti­on der Indus­trie 4.0. Es geht nicht mehr nur dar­um, sich dar­über den Kopf zu zer­bre­chen, wie man eine per Defi­ni­ti­on hohe Pro­dukt­va­ria­bi­li­tät mit der häu­fi­gen Aus­prä­gung „1“ durch auto­ma­ti­sier­te Fer­ti­gung mög­lichst wirt­schaft­lich fer­ti­gen kann. Durch vie­le Fach­auf­sät­ze geis­tert immer noch die Vor­stel­lung von Indus­trie 4.0, dass sich das Werk­stück sei­nen eige­nen Weg durch die Fer­ti­gung sucht, mit den Werk­zeug­ma­schi­nen kom­mu­ni­ziert oder sich prio­ri­täts­ori­en­tiert in der War­te­schlan­ge selbst nach vor­ne schiebt.

Für den Ein­zel­fer­ti­ger kann es in bestimm­ten Fäl­len sicher auch um sol­che Din­ge gehen. Das die gesam­te Unter­neh­mung durch­drin­gen­de „4.0“ ist aber das wirk­li­che Spiel­feld des Ein­zel­fer­ti­gers.

Allei­ne die viel­zi­tier­te Ergän­zung der Ser­vice-Palet­te wird die Hard- und Soft­ware-Kon­struk­tio­nen, den Anla­gen­ver­trieb, die Ersatz­teil­fer­ti­gung, oder die Abtei­lung „Pro­dukt­ent­wick­lung“ stark beschäf­ti­gen. Letz­te­re erhält bei­spiels­wei­se Anla­gen­da­ten, die zur Pro­dukt­ver­bes­se­rung ana­ly­siert, aus­ge­wer­tet und auf­be­rei­tet wer­den; der Betrei­ber / Kun­de wie­der­um stellt die­se Daten kos­ten­frei in der Cloud zur Ver­fü­gung, und erhält im Gegen­zug eine durch den Anla­gen­bau­er opti­mier­te Ein­stel­lung der Anla­gen-Betriebs-Para­me­ter. Werk­zeug­ma­schi­nen, die selbst­stän­dig und unab­hän­gig vom Bedie­ner feh­len­de oder zu erset­zen­de Werk­zeu­ge oder erfor­der­li­ches Vor­ma­te­ri­al anfor­dern sind auch für klei­ne­re Unter­neh­men in der Ein­zel­fer­ti­gung schon kein all­zu uto­pi­sches Sze­na­rio mehr. In der indus­tri­el­len Fer­ti­gung 4.0 ist dies eine Fra­ge der Sen­so­rik und Akto­rik, der Auto­ma­ti­sie­rung, der Steue­run­gen, der Ver­net­zung der Sys­te­me. Offen­sicht­lich ist in die­sem klei­nen Sze­na­rio die Bedeu­tung von MES und/oder ERP, über die not­wen­di­ge exter­ne Infor­ma­tio­nen bereit­ge­stellt und erfor­der­li­che Frei­ga­ben an Sub­sys­te­me zur dor­ti­gen eigen­stän­di­gen Bear­bei­tung wei­ter­ge­reicht wer­den.

War bis­her in der Ein­zel­fer­ti­gung eine zurück­hal­ten­de, beob­ach­ten­de Hal­tung fest­zu­stel­len, heißt es nun, sich inten­siv mit den kom­men­den Her­aus­for­de­run­gen zu beschäf­ti­gen! Ein­zel­fer­ti­gung 4.0 ist wesent­lich umfas­sen­der als die Digi­ta­li­sie­rung der Wert­schöp­fungs­ket­te. Dies ist nur ein Aspekt, für vie­le Indus­tri­en sicher ein vor­dring­li­cher.  Aber mit den vor­han­de­nen Struk­tu­ren und Orga­ni­sa­ti­ons­for­men lässt sich in der begin­nen­den, nächs­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on kein Blu­men­strauß gewin­nen. In den Vor­auf­ge­gan­ge­nen Stu­fen wur­den über­kom­me­ne Struk­tu­ren hin­weg­ge­fegt und dies­mal wird es nicht viel anders sein. Es reicht nicht, nur die Wert­schöp­fungs­pro­zes­se digi­tal zu unter­stüt­zen. Wer das nicht akzep­tiert, ver­in­ner­licht und zur Hand­lungs­ma­xi­me sei­ner kom­men­den Busi­ness-Ent­schei­dun­gen macht, wird frü­her oder spä­ter vom bereits ange­fah­re­nen Zug abge­hängt wer­den.

Herz­lichst und vol­ler Opti­mis­mus

Ihr
Roland Dam­mers

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