Pro­duk­ti­on

Inter­view mit Diet­mar Lage­mann

Die Mensch­li­che Intel­li­gen­te Fabrik

pro­duc­tivI­Ty hat mit Diet­mar Lage­mann über Indus­trie 4.0 in der Ein­zel­fer­ti­gung gespro­chen. Er ist geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der LAWECO Maschi­nen- und Appa­ra­te­bau GmbH, die kun­den­in­di­vi­du­el­le Hebe­sys­te­me her­stellt.

 

Dietmar Lagemann, Geschäftsführer LAWECO Maschinen- und Apparatebau GmbH

Diet­mar Lage­mann, Geschäfts­führ­erLA­WE­CO Maschi­nen- und Appa­ra­te­bau GmbH

Fra­ge: Herr Lage­mann, Sie sind Geschäfts­füh­rer bei LAWECO, da sind Sie doch sicher schon mal mit dem Begriff Indus­trie 4.0 in Kon­takt gekom­men. Was ver­ste­hen Sie dar­un­ter?
Diet­mar Lage­mann: Na klar, die­sem Wort kann man ja nicht ent­kom­men, wenn man sich ein biss­chen mit der The­ma­tik Pro­duk­ti­on beschäf­tigt. In mei­nem Ver­ständ­nis umfasst Indus­trie 4.0 Maß­nah­men, die eine dezen­tra­le und hoch­au­to­ma­ti­sier­te Pro­duk­ti­on ermög­li­chen. Als Vor­be­rei­tung für das Inter­view bin ich übri­gens durch unse­re Fer­ti­gung gegan­gen und habe dort gefragt, wer schon mal was von Indus­trie 4.0 gehört habe. Als Ant­wort kam meis­tens ein Schul­ter­zu­cken. Kur­ze Zeit spä­ter klin­gel­te dann hier mein Tele­fon und einer mei­ner Mit­ar­bei­ter mel­de­te sich begeis­tert mit den Wor­ten: „Ich habe jetzt mal nach­ge­guckt, was die­ses Indus­trie 4.0 ist – das machen wir doch schon lan­ge, aber wir spre­chen nicht dar­über!“ Dazu ist zu ergän­zen, dass unse­re Pro­duk­ti­on nicht Indus­trie 4.0-tauglich ist, unse­re Pro­duk­te aber schon!

 

Fra­ge: Das klingt ja span­nend. Erklä­ren Sie uns doch bit­te kurz, was für Pro­duk­te Sie fer­ti­gen und wer Ihre Kun­den sind.
Diet­mar Lage­mann: Wir haben zwei wesent­li­che Pro­dukt­grup­pen: Hub­ti­sche und CARGO MASTER Pro­duk­te. Von den Hub­ti­schen fer­ti­gen wir ca. 1000 Stück im Jahr, die Traglas­ten kön­nen hier­bei weni­ge 100 kg bis zu 100 t betra­gen. Das kön­nen ganz unter­schied­li­che Markt­be­rei­che sein – bei­spiels­wei­se die Holz-, Blech- oder Papier­ver­ar­bei­tung. Unse­re ande­re Pro­dukt­grup­pe ken­nen Sie vom Flug­ha­fen. Es sind die Fahr­zeu­ge, die auf dem Vor­feld fah­ren und die Con­tai­ner und wei­te­re Bela­dung heben, damit sie ins Flug­zeug beför­dert wer­den kön­nen. In die­sem Bereich sind wir vor kur­zem vom Betrieb mit Die­sel auf Elek­tro­mo­to­ren umge­stie­gen. Die soge­nann­te CARGO MASTER Green Line zeigt, wie sich öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Aspek­te sinn­voll ergän­zen. Die Green Line gestal­tet den Fracht­um­schlag auf Flug­hä­fen deut­lich umwelt­freund­li­cher und unter­stützt Flug­hä­fen nach­hal­tig bei der Redu­zie­rung von CO2-Emis­sio­nen. Alle unse­re Pro­duk­te sind hoch-kun­den­in­di­vi­du­ell und wer­den in Ein­zel­fer­ti­gung her­ge­stellt. In der Regel gibt es kei­ne zwei Pro­duk­te, die ein­an­der glei­chen. Das ist übri­gens auch der Haupt­grund, war­um wir glau­ben, dass in unse­rer Pro­duk­ti­on Indus­trie 4.0 nicht ein­setz­bar ist.

 

Fra­ge: Wo steckt die von Ihnen erwähn­te Indus­trie 4.0- Taug­lich­keit in Ihren Pro­duk­ten?
Diet­mar Lage­mann: Bei den Hub­ti­schen wün­schen die meis­ten unse­rer Kun­den eine inte­grier­te Intel­li­genz in den Pro­duk­ten, um bei­spiels­wei­se durch Sen­so­ren, Akto­ren oder Buss­sys­te­me Daten auf­zu­neh­men und von einer über­ge­ord­ne­ten Anla­gen­steue­rung aus­ge­le­sen zu wer­den. Im Car­go-Bereich gehen wir sogar noch einen Schritt wei­ter: Zum einen bekom­men unse­re Kun­den­dienst­mon­teu­re eine Mel­dung auf ihr Smart­pho­ne, wenn das Pro­dukt „Out of Ser­vice“ ist. So kön­nen sie schnell reagie­ren, die Aus­fall­zeit wird mini­miert. Bei unse­ren CARGO MASTER Green Line wer­den ver­schie­de­ne Daten, wie bei­spiels­wei­se Bat­te­rie­la­de­zei­ten oder -fre­quen­zen oder die Ein­satz­zei­ten, gespei­chert, an uns gesen­det und dann aus­ge­wer­tet. Dadurch wol­len wir das Pro­dukt hin­sicht­lich Bat­te­rie­ka­pa­zi­tä­ten und Lade­zei­ten ver­bes­sern.

 

Fra­ge: Konn­ten Sie hier schon Ergeb­nis­se erzie­len?
Diet­mar Lage­mann: Ja, wir wis­sen, dass die von uns ein­ge­setz­te Bat­te­rie für die ange­dach­ten Ein­satz­fäl­le aus­rei­chend ist. Wei­ter­hin führt die beschrie­be­ne „Nähe zum Pro­dukt“ zu einer hohen Kun­den­zu­frie­den­heit.

 

Fra­ge: Sie spra­chen ein­gangs davon, dass Sie in Ihrer Pro­duk­ti­on kein Indus­trie 4.0-Verfahren ver­wen­den. Wie­so nicht?
Diet­mar Lage­mann: Wir fer­ti­gen maß­ge­schnei­der­te Hebe­lö­sun­gen in Ein­zel­fer­ti­gung. Nahe­zu jedes Pro­dukt muss neu kon­stru­iert wer­den, und es gehört zum Tages­ge­schäft, dass die Pro­dukt­da­ten zu Pro­jekt­be­ginn nicht voll­stän­dig vor­lie­gen. Zudem kom­men häu­fig bis hin zur Pro­jekt­ab­nah­me noch Pro­duk­tän­de­run­gen hin­zu. Auf­grund der hohen Anzahl an Vari­an­ten, Ände­run­gen ist es nahe­zu unmög­lich, die Pro­duk­ti­on hoch­au­to­ma­ti­siert zu gestal­ten. Wir benö­ti­gen viel­mehr die Intel­li­genz und Kom­pe­tenz unse­rer Mit­ar­bei­ter, die auf die sich ändern­den Bedin­gun­gen reagie­ren kön­nen.

 

Fra­ge: Sehen Sie denn gene­rel­le Schwie­rig­kei­ten, Indus­trie 4.0 in der Ein­zel­fer­ti­gung ein­zu­set­zen?
Diet­mar Lage­mann: Ja! Die hohe Indi­vi­dua­li­sie­rung ist ja gera­de ein ent­schei­den­des Merk­mal in der Ein­zel­fer­ti­gung. Pro­zess­stö­run­gen sind für uns der All­tag und ich kann mir der­zeit nicht vor­stel­len, wie die­se in einem nicht-mensch­li­chen Ent­schei­dungs­sys­tem abge­bil­det wer­den kön­nen. Das heißt aber nicht, dass moder­ne Tech­no­lo­gi­en, die auch in der Indus­trie 4.0 ein­ge­setzt wer­den, kei­nen Nut­zen für uns brin­gen. Ein biss­chen Indus­trie 4.0 haben auch wir!

 

Fra­ge: Erzäh­len Sie uns bit­te mehr davon!
Diet­mar Lage­mann: Wir ver­su­chen stets unse­re Pro­zes­se zu ver­bes­sern und zu fle­xi­bi­li­sie­ren. Dabei suchen und gestal­ten wir ein­fa­che und struk­tu­rier­te Lösun­gen und stel­len uns dann auf die­se ein. So ver­wen­den wir für Stan­dard- und Norm-Elek­tro­tei­le sowie für wie­der­holt ein­ge­bau­te Bau­grup­pen Kan­ban-Sys­te­me. Die Bau­grup­pen kön­nen dabei sowohl aus der Eigen­fer­ti­gung kom­men, als auch Kauf­tei­le sein. Das Haupt­au­gen­merk liegt aber auf der mensch­li­chen intel­li­gen­ten Fabrik. Dabei unter­stüt­zen moder­ne Tools, wie bei­spiels­wei­se ein ERP-Sys­tem, die Arbeit unse­rer Mit­ar­bei­ter. Not­wen­di­ge Infor­ma­tio­nen aus dem Res­sour­cen-, Pro­zess- und Kapa­zi­täts­ma­nage­ment wer­den den Ent­schei­dungs­trä­gern effi­zi­ent bereit­ge­stellt. Dafür haben wir meh­re­re in der Fabrik ver­teil­te Infor­ma­ti­ons­ter­mi­nals, wel­che sich immer zwei bis drei Mit­ar­bei­ter tei­len. Die­se sind fle­xi­bel auf Rol­len mon­tiert, so dass sie immer genau an dem Ort ver­füg­bar sind, an dem sie gebraucht wer­den. Die Mit­ar­bei­ter kön­nen auf den Ter­mi­nals unter ande­rem Zeich­nun­gen, Stück­lis­ten oder auch die Pro­zess­da­ten für den jewei­li­gen Arbeits­schritt auf­ru­fen.

 

Fra­ge: Sie spre­chen viel von Ihren Mit­ar­bei­tern, deren Arbeit durch die Ein­füh­rung neu­er Tech­no­lo­gi­en ver­bes­sert wer­den soll. Oft­mals besteht dabei eine gro­ße Skep­sis oder sogar eine Ableh­nung durch die Betei­lig­ten. Wie ist das bei LAWECO? Wie gehen Sie mit der Situa­ti­on um?
Diet­mar Lage­mann: Sicher – das Mit­neh­men unse­rer Mit­ar­bei­ter ist ein wich­ti­ger Punkt, der nicht ver­nach­läs­sigt wer­den darf. Wir sehen es daher als eine unse­rer Auf­ga­ben, dass unse­re Mit­ar­bei­ter qua­li­fi­ziert wer­den und so Kom­pe­ten­zen bil­den kön­nen. Auf die­se Wei­se kön­nen sie alles nut­zen, ver­ste­hen den Mehr­wert und bau­en even­tu­el­le Ängs­te ab. Die Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men sind dabei kei­ne ein­ma­li­gen Sachen, son­dern ein Pro­zess, der schritt­wei­se immer wei­ter­ge­gan­gen wird. Hier schließt sich dann übri­gens auch der Kreis zur Indus­trie 4.0 wie­der – denn auch das ist ein The­ma, das in den nächs­ten Jah­ren immer wei­ter­ge­hen wird.

 

Herr Lage­mann, vie­len Dank für das Inter­view und die­se inter­es­san­ten Ein­bli­cke!

Die­ses Inter­view ist in der Zeit­schrift pro­duc­tivI­Ty (Aus­ga­be 01-16) erschie­nen. www.productivity.de 

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