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Interview: Herausforderung
IoT-Plattform-Auswahl –
Fehler können sehr teuer werden.

tresmo
Interview mit Bernd Behler,
CTO des IoT-Dienstleisters tresmo

 

Nachdem auf dem diesjährigen ife-Kongress vor wenigen Wochen der CEO von tresmo einen Vortrag zur Gestaltung erfolgreicher IoT-Geschäftsmodelle gehalten hat, nutzten wir im Nachgang noch die Chance mit seinem Kollegen Bernd Behler über die technischen Herausforderungen von IoT-/ Industrie 4.0-Vorhaben zu sprechen. Herr Behler gilt als einer der erfahrensten Experten für die technische Umsetzung von IoT-/ Industrie 4.0-Lösungen in Deutschland, der mit seinem Team schon Millionen von Heizungen, Werkzeugmaschinen, Getrieben, Küchengeräten und ähnlichen Produkten für führende Hersteller wie Viessmann, TRUMPF Werkzeugmaschinen oder Vorwerk vernetzt hat.

ife: Herr Behler, Sie haben schon so ziemlich jedes physische Produkt “smart” gemacht, insbesondere für Kunden im Maschinen- und Anlagenbau. Was sind dabei die größten technischen Herausforderungen?

Bernd Behler: Ganz wichtig bei der Vernetzung von Produkten und der Schaffung digitaler Services ist es, die Technologie zum Projektbeginn zunächst völlig auszublenden. Technologisch ist heutzutage fast alles möglich und mit dem richtigen Ansatz auch sicher, flexibel, skalierbar und kosteneffizient gestaltbar. Entscheidend für ein erfolgreiches IoT-Projekt ist vielmehr, den zukünftigen Nutzer der Lösung ins Zentrum der Überlegungen zu stellen. Also: Wer ist das genau? Welches sind seine Arbeitsprozesse, Bedürfnisse und “Pain Points”? Wie ist der Nutzungskontext der Anwendung? Welche Endgeräte nutzt er eigentlich? Mit solchen und ähnliche Fragen findet man mit etwas Erfahrung und der nötigen Lernbereitschaft schnell heraus, wie man mit der IoT-Lösung den größten Mehrwert für die zukünftigen Nutzer schaffen kann.

Die Kunst dabei ist es, die richtigen Fragen zu stellen und diese Erkenntnisse durch kluge Beobachtungen und Analysen zu ergänzen. Oder wie schon Henry Ford sagte: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt ‘schnellere Pferde’.” Gerade wenn Sie Produktionsmaschinen vernetzen möchten, müssen Sie genau verstehen wie diese auf dem Shopfloor eingesetzt werden. Oft sind dabei vermeintliche Kleinigkeiten entscheidend: Ein Arbeiter, der Handschuhe tragen muss, wird mit einem Smartphone oder Tablet nicht sinnvoll arbeiten können, da braucht es dann beispielsweise touchfähige Industriemonitore oder eine Sprachsteuerung.

Hat man den Nutzer und seine möglichen Anwendungsszenarien verstanden, können die funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen definiert werden. Auf dieser Basis wird die IT-Architektur erarbeitet und eine passende IoT-Plattform ausgewählt. Dabei werden jedoch häufig schwerwiegende Fehler gemacht, die dazu führen dass viele IoT-Projekte nur in der Pilotphase funktionieren, aber später nicht vernünftig skalieren. Gerade die Auswahl der richtigen IoT-Plattform sollte sorgfältig erfolgen, um später nicht vor unnötigen Mehrkosten und langen Verzögerungen im Projekt zu stehen. Wir haben schon mit fast allen großen IoT-Plattformen intensiv gearbeitet – jede hat ihre Tücken und keine Plattform deckt alle Anwendungsbereiche perfekt ab.

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ife: Wie findet man dann als Maschinen- oder Anlagenbauer die richtige IoT-Plattform für sein Vorhaben?

Bernd Behler: Entscheidend für eine gute Auswahl ist, wie eben schon beschrieben, zunächst einmal eine saubere Anforderungsanalyse. Auf dieser Basis kann man aus den aktuell circa 500 am Markt erhältlichen IoT-Plattformen, die wir in unserer Datenbank führen, eine Shortlist erstellen. Die Einsatzbereiche, Funktionalitäten und Preismodelle der Anbieter unterscheiden sich teilweise ganz erheblich und leider sind sie auch nicht so transparent, wie man sich das als Kunde wünschen würde. Oft werden auch vom Marketing der Anbieter Dinge verkauft, die es noch längst nicht gibt. Da wir schon mit fast allen großen IoT- und IIoT-Plattformen gearbeitet haben, wissen wir glücklicherweise damit umzugehen.

Die Anbieter auf der Shortlist überprüfen wir dann auf Basis von ca. 80 Kriterien auf Herz und Nieren. Dabei geht es beispielsweise darum, mit welchen Sicherheitseinrichtungen Firmware-Updates abgesichert oder wie Zertifikate auf Geräten im Feld aktualisiert werden. Ganz am Ende bleiben meist ein paar Plattformen übrig und dann ist es oft eine Bauchentscheidung, ob man lieber einen deutschen oder amerikanischen Anbieter beziehungsweise einen kleineren Anbieter oder eher einen großen Konzern bevorzugt.

ife: Warum ist der Einsatz von IoT-Plattformen überhaupt sinnvoll?

Bernd Behler: 70-90% der Technologie, die in einer IoT-Lösung stecken, sind fast in allen IoT-Projekten identisch. Dabei geht es beispielsweise um Konnektivität, Datenspeicherung, Gerätemanagement und ähnliche Dinge. Es macht wenig Sinn dafür jedes Mal das “Rad neu zu erfinden” und das alles noch einmal aufwändig selbst zu programmieren, wenn man diese Basics auch fertig und erprobt kaufen kann. Die großen IoT-Plattformanbieter haben Milliarden Euro in ihre Angebote investiert und ermöglichen auf dieser Basis eine sehr effiziente Erstellung individueller IoT-Lösungen, die noch vor einigen Jahren unbezahlbar gewesen wären. So kann man als Maschinen- und Anlagenbauer relativ schnell mit seiner individuellen IoT-Lösung an den Markt gehen und dabei den Fokus auf die Alleinstellungsmerkmale legen, die zur Differenzierung und Monetarisierung des eigenen Angebots beitragen.

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ife: Welche IoT-Plattformen werden denn nach Ihrer Erfahrung am häufigsten in Deutschland eingesetzt?

Bernd Behler: Die wichtigsten Anbieter in Deutschland sind nach unserer Wahrnehmung aktuell Microsoft, Amazon Web Services, Cumulocity, SAP, Bosch, IBM und Axoom.

ife: Und wie steht es um die viel zitierte Sicherheit? Cyber Security ist aktuell in aller Munde…

Bernd Behler: Das ist in der Tat ein extrem wichtiges Thema, das erstaunlich viele Unternehmen auf die leichte Schulter nehmen. Das kann sich jedoch bitter rächen. Es gibt glücklicherweise sehr viele Dinge, die Sie tun können, um Ihre IoT-Lösung abzusichern, beispielsweise eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die Trennung von Nutzer- und Betriebsdaten, Hacking Contests oder physische Sicherheitsvorkehrungen. Darüber hinaus ist die Geräte-Kennung ein wichtiger Schlüssel zur Sicherheit Ihrer IoT-Lösung. Es sollte beispielsweise sichergestellt werden, dass sich dieselbe Geräte-Kennung nicht mehr als einmal zur selben Zeit anmelden kann und dass Geräte nicht auf die Kommunikation oder die Daten anderer Geräte zugreifen können. Doch auch Aspekte außerhalb der Software sind zu beachten, beispielsweise wie sauber der Prozess zur Vergabe der Geräte-Kennungen ist.

Die technischen Möglichkeiten für Cyber Security sind auf jeden Fall reichlich vorhanden, meist scheitert es lediglich an der Bereitschaft der Unternehmen, dafür eben auch etwas höhere Projektbudgets und -Laufzeiten in Kauf zu nehmen. Glücklicherweise sind gerade Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau sehr sicherheitsbewusst, was wir sehr schätzen. So kann man am Ende gemeinsam IoT-Lösungen schaffen, die wirklich Spaß machen, einen großen Mehrwert schaffen und auch mit gutem Gewissen betrieben werden können.

ife: Herr Behler, ganz herzlichen Dank für den interessanten Austausch und weiterhin viel Erfolg in Ihren IoT-Projekten!