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Interview: Die Potentiale der Logistik


Der Logistikexperte Roger Heidmann ist Geschäftsführender Gesellschafter der LSA Logistik Service Agentur GmbH. Die LSA gehört seit 2004 zum Kreis der neutral und konzernunabhängig agierenden Logistikplanungs- und Managementunternehmen (4PL) in Europa.

ife: Wie bewerten Sie den Wert der Logistik für den Unternehmenserfolg?

Roger Heidmann: Der durchschnittliche Anteil der Logistikkosten an den Gesamtkosten liegt nach Zahlen der Bundesvereinigung Logistik zwischen 15 und 25 Prozent der Gesamtkosten bzw. zwischen 8 und 14 Prozent vom Umsatz. 30 Prozent der Unternehmen kennen ihre Logistikkosten nicht im Detail.

Stellt man den o.g. Prozentsätzen tatsächliche Umsatzrenditen gegenüber, wird das Wertschöpfungspotential der Logistik deutlicher. Bei Handelsunternehmen liegt dieses zwischen 1,5 und 2%, bei Industrieunternehmen zwischen 8 und 15%. Gelingt es nun bei einem Unternehmen mit einer Umsatzrendite von 10% die Logistikkosten um 10% zu senken steigt die Umsatzrendite um 2%. Die Ziele der Logistik sind somit nicht nur mit Kostensenkung verbunden, sondern auch mit Deckungsbeitrag und Renditesteigerung.

Wir selbst arbeiten derzeit an neuen Methoden zur Ertragswertermittlung der Logistik in Unternehmen.

ife: Wie hält die Logistik in den nächsten Jahren Schritt mit der Entwicklung in den Unternehmen?

Roger Heidmann: Im Fokus steht das Kerngeschäft, d.h. Entwicklung, Vertrieb, Einkauf, Herstellung, Montage, Service und Wartung der Produkte. Die Logistik ist dafür ohne Zweifel erforderlich.

Die Gestaltungsmöglichkeiten hängen von der unternehmensspezifischen Betrachtung der Logistik ab. Werden allein die Transportkosten betrachtet, stehen 20 bis 30 Prozent der Logistikkosten im Fokus, also maximal fünf Prozent der Gesamtkosten. Gleichwohl sind diese Kostenanteile am einfachsten „sichtbar“ zu machen. Der Grund, Transporte werden vielfach an Dritte vergeben, der Outsourcinganteil liegt hier weit über 70 Prozent. Die Kosten werden dementsprechend durch die Rechnungseingänge der Dienstleister sichtbar bzw. kontrollierbar. Die klassischen Funktionen Transport, Lager, Umschlag bilden allerdings eher die „Spitze des Eisberges“.

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Eine weitergehende Betrachtung „unterhalb der Wasserlinie“, wo viele Grundlagen geschaffen werden, erfolgt vielfach nicht. Dabei kann die Logistik auch für kleine und mittelständische Unternehmen die gleiche wertschöpfende Bedeutung einnehmen, wie bei einem Großunternehmen. Zu unterscheiden sind der Mitteleinsatz und die Vorgehensweisen.

Weiterhin ist absehbar, dass zukünftige Logistiksysteme kleinteiliger und individueller ausgerichtet werden. Die heutigen Logistiksysteme, die auf Standardisierung, Automatisierung und Massenleistungsfähigkeit ausgerichtet sind, benötigen alternative Systeme, die dem Individuum und dem Unikat gerechter werden. Ein Beispiel: Sollte sich die 3D-Drucker Technologie in dem derzeit vorstellbaren Umfang durchsetzen, bedarf es individueller, dezentraler und auf kleine Losgrößen ausgerichteter Logistiksysteme. Logistiksysteme, die zudem die diversen Stoffgruppen über den gesamten Geschäftsprozess bis zu Entsorgung begleiten. Im Prinzip also das Gegenteil der heute bekannten Systeme. Einzelfertiger erleben das vielfach heute schon!

ife: Was ist für Unternehmen noch bedeutend?

Roger Heidmann: Ich darf an dieser Stelle eine Umfrage von Statista.de zitieren. Danach sehen die befragten Unternehmen die Logistik aktuell als Gestaltungs- und Steuerungsinstrument für folgende Themen:

  • Eigene Prozessoptimierung, 46,7%
  • Kostentransparenz Supply Chain, 40,3%
  • Sicherheit in Logistikkette, 38,7%
  • Qualität, Pünktlichkeit, 37,7%
  • Flexibilität in Logistikkette, 34,4%
  • Beschleunigung Auftragsabwicklung, 31,1%
  • Optimierung Beschaffungslogistik, 28,6%
  • Bündelung Transporte, 24%
  • Reduzierung Lagerbestände, 21,1%
  • Einkauf „ab Werk“, 18,1%

ife: Wer steuert heute die Logistik in Unternehmen?

Roger Heidmann: Der überwiegende Anteil der Logistikleistungen wie Lagerhaltung, Organisation und Steuerung, Transportabwicklung und Controlling wird durch die Unternehmen selbst durchgeführt. Im Durchschnitt werden rund 40 Prozent der Aufgaben an Dritte vergeben.

Kleinen und mittleren Unternehmen fehlt es jedoch häufig an Ressourcen, Expertise und der Möglichkeit der Aufgabenteilung in der unternehmenseigenen Logistik. Die Aufgaben werden entsprechend auf viele Schultern verteilt, vom Projektleiter, über den Einkauf, den Fertigungsleiter bis zum Versand. Dagegen betrachten große Unternehmen und Konzerne vorwiegend eine fehlende Zentralisierung und die sehr heterogenen Logistikstrukturen in Business Unit´s und Projekten.

Vielfach steuern auch die Zulieferer, wenn z.B. Lieferungen frei Haus bestellt werden. Der Spediteur des Zulieferers bzw. der LKW-Fahrer des eingesetzten Fuhrunternehmers erhält dadurch einen unmittelbaren Einfluss auf die Abläufe im Wareneingang, im Lager und in der Produktion. Um letztere zu schützen werden u.a. Lager- bzw. Mindestbestände aufgebaut.

Die klassischen „make or buy“ Konzepte in der Logistik erfüllen die vorher genannten Anforderungen somit nur teilweise und ermöglichen selten eine gesamtlogistische Betrachtung, im Sinne von Projekt-, Unternehmensübergreifend und Querschnittfunktion.

Vor diesem Hintergrund bieten wir entsprechend „hybride“ Lösungen und Dienstleistungen an.

ife: Wie unterscheiden sich die Geschäftsmodelle von Logistikdienstleistern?

Roger Heidmann: An der Assetorientierung – d.h., entweder sind die Konzepte eher auf die Auslastung eigener LKW´s, Lagerhäuser oder Schiffe ausgerichtet und somit auf den Verkauf von Lademetern, Quadratmetern bzw. Frachttonnage oder es werden Themen im o.g. Sinne und in ihrem Interesse gelöst.

Derjenige, der einen LKW, ein Schiff oder eine Lagerhalle besitzt wird selbstverständlich alles unternehmen, um sein Eigentum oder Besitz auszulasten. Auch die damit verbundenen Mehrwertdienstleistungen zielen am Ende darauf ab.

Als Logistikdienstleister der neuesten Generation (4PL) übernehmen wir dagegen die Organisation, Steuerung und Kontrolle der logistischen Geschäftsprozesse z.B. in einem Projekt und über die gesamte Wertschöpfungskette. Wie ein Anwalt, Steuerberater oder Ingenieurbüro liefern wir in unserem Fachbereich Strategie, Taktik und Umsetzung

Neben Kosteneinsparung und -prävention, einer höheren Flexibilität und Qualitätsstandards können LSA Kunden auch von einer steuerlichen Optimierung der Lieferketten profitieren. Aus diesem Grund arbeiten wir ganz bewusst ohne eigene Assets. Die Voraussetzung für unabhängige Lösungen.

ife: Wie können Unternehmen selbst vorgehen, um ihre Potentiale in der Logistik einzuschätzen?

Roger Heidmann: Die ersten Schritte führen in den Vertrieb, in die Kalkulation, die Konstruktion und zum Einkauf. Dort werden i.d.R. frühzeitig viele Rahmenbedingungen und –strukturen der Logistik festgelegt.

Logistik ist einfach Raum- und Zeitüberbrückung. Hält man einen Moment inne und sortiert gedanklich alle Aufgaben, Bilder oder Kalkulationen in „Raum- und Zeitüberbrückung“ und in „Kerngeschäft“, dann kann alles Weitere abgeleitet, abgegrenzt und bewertet werden. Die jeweilige Strategie, Taktik und Umsetzung kann bestätigt oder neu bestimmt werden.

Schätzen bzw. zählen wir in diesem Sinne zunächst die Anzahl der Verträge im Haus, die logistikrelevant sind. Also die Verträge mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern. Werten wir die Passagen aus, die unsere Logistik bestimmen und den daraus resultierenden Planungs- und Steuerungsaufwand, die Bestandsentwicklung und die Lagerhaltung sowie den Administrationsaufwand. Darüber hinaus bewerten wir die Auswirkungen für Produkte und Projekte, hinsichtlich Laufzeiten, Zuverlässigkeit, Reaktionsfähigkeit, Flexibilität und Ressourcenauslastung.

Geben Sie sich drei Tage Zeit für eine erste Wertermittlung.